Heute, am 11. Oktober, ist #ComingOutDay. Auch 2019 sind Coming-Outs noch immer mit großer Angst verbunden. Menschen, die sich outen wollen, schieben diese Momente, häufig unter großem Druck und Angst, lange vor sich her. Egal als was ein Mensch sich outen möchte oder muss, egal ob bi- oder pansexuell oder -romantisch, lesbisch, schwul, aro, ace, trans, nicht-binär oder inter: Outings sind leider noch heute eine Offenbarung gegenüber anderen Menschen als etwas, was in deren Vorstellung und in der Vorstellung der Gesellschaft nicht als Norm gilt.

Hierin liegt die Angst begründet, denn viele Menschen reagieren leider noch immer mit Hass und Gewalt gegenüber allem, was nicht dieser Norm entspricht. Die tatsächliche Reaktion auf ein Outing ist unsicher. Noch heute werden Menschen von ihren liebsten Menschen verstoßen, angegriffen, ermordet, in den Suizid getrieben. Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze, werden gemobbt und Schlimmeres. Diese Norm von der dya allo cis hetero Person muss durchbrochen werden.

Im Alltag, in Medien, in der Politik werden Menschen, die nicht dya, allo, cis und hetero sind, viel zu oft immer noch nicht mitgedacht. Kinder, die als cis Jungen wahrgenommen werden, werden zu Hause nur gefragt, ob und wann sie endlich eine Freundin haben, nach einem Freund wird nicht gefragt. In Kinderserien verliebt sich immer das junge Tiermädchen in einen Tierjungen. Es wird tagtäglich und überall vom Aussehen einer Person auf das vermeintliche Geschlecht geschlossen – weil einfach davon ausgegangen wird, dass alle Menschen dya und cis seien. Wird im politischen Diskurs über Themen wie Schwangerschaftsabbrüche diskutiert, heißt es oft, dass Informationen über Schwangerschaftsabbrüche für Frauen verfügbar sein müssen – doch was ist mit nicht-binären Personen, trans Männern und inter Personen, die schwanger werden können, aber keine Frauen sind? Sie werden hier nicht mitgedacht.

Insbesondere nicht-binäre Menschen müssen anderen erklären, was genau das ist, weil die Gesellschaft nur in den binären Kategorien Mann und Frau denkt. Und es wird einfach davon ausgegangen, dass Menschen sexuelle und romantische Anziehung gegenüber Menschen empfinden, und Menschen, bei denen das nicht zutrifft, werden nicht ernst genommen und patologisiert.

Was wir brauchen, um diese Norm aufzubrechen, ist mehr Aufklärung. In Schulen muss den Schüler*innen das Bild einer Gesellschaft vermittelt werden, so wie sie ist, und nicht eine Gesellschaft, in der alle cis, dya, allo und hetero sind. Personen des öffentlichen Lebens und Personen, die für Medien arbeiten, müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und sich selbstständig informieren, ihre eigenen normativ geprägten Bilder grundlegend überdenken, ggf. auch durch Fortbildungen. Bildungsangebote von queeren Menschen hierzu sind bereits vorhanden, benötigen jedoch mehr institutionelle Förderung. Noch zu schaffende queere Zentren in Thüringen können zusätzliche Anlaufstellen bieten, sowohl für nicht queere Menschen, die Bildungsarbeit in Anspruch nehmen können, als auch für queere Menschen, die Unterstützung und Beratung bei Outings benötigen. Die institutionelle Förderung solcher Zentren und anderer initiativen muss in diesem Kontext auch Honorare beinhalten, damit queere Menschen, die Bildungsarbeit für nicht-queere Menschen leisten, auch fair entlohnt werden.