Eine chronisch überlastete Schul-Cloud, ungerechte Bezahlung für Azubis sowie Leistungsdruck in (Berufs-)schule und Universität, der individuelle Entfaltung verhindert: Das sind nur wenige der Baustellen in der Thüringer Bildungslandschaft. Jeder Mensch muss sich frei für einen Bildungs- und damit Lebensweg entscheiden können, unabhängig von dem Einkommen und dem Bildungsabschluss der Eltern, dem Wohnort oder Geschlecht. Zu hohe Gebühren und Kosten, psychische wie physische Barrieren, gesellschaftlicher Druck und mangelnde Mitbestimmungsmöglichkeiten verhindern dies und sorgen für Ungerechtigkeit. Durch die Corona-Pandemie wurde noch dazu der immer größer werdende Nachholbedarf bei der Digitalisierung im Bildungswesen in die Öffentlichkeit gerückt.

Für uns als GRÜNE JUGEND Thüringen ist klar: Chancengleichheit, finanzielle Unabhängigkeit, Barrierefreiheit und die Möglichkeit, sich frei für einen Bildungsweg entscheiden zu können sind notwendig, damit du dich frei entfalten und den Weg wählen kannst, den du möchtest. Wir wollen die Bedingungen in jeder Schule, jedem Ausbildungsbetrieb, jeder Berufsschule und jeder Hochschule in Thüringen jetzt verändern. Wir kämpfen für eine gute Bildung für alle von Anfang an!

Schule

 

Partizipation und politische Bildung

 

Im derzeitigen System darf wählen, wer ein bestimmtes Alter erreicht hat. Die Beliebigkeit der Festlegung wird allein schon daran klar, dass je nach Ebene und Wahl sich das Mindestalter von Ort zu Ort unterscheidet. In einigen Bundesländern darf zur Landtagswahl mit 16 gewählt werden und in anderen – wie auch in Thüringen – erst mit dem 18. Lebensjahr. Demzufolge wird jüngeren Menschen die Fähigkeit eine politische Entscheidung zu treffen abgesprochen, einer volljährigen Person wiederum nicht. Wir finden das falsch und nicht nachvollziehbar. Das Wahlalter ist beliebig und missachtet die Interessen der jüngsten Generation. Allein an den Klimademos wird deutlich, dass so manche 14-jährige Jugendliche globale Zusammenhänge deutlich besser versteht als sehr weite Teile der wahlberechtigten älteren Generation.

Deshalb fordern wir ein Wahlrecht für alle! Eine Reform sieht so aus: Wer sich politisch bereit fühlt, lässt sich persönlich und auf eigene Initiative registrieren und darf wählen. Ab 14 Jahren werden alle Menschen automatisch in das Wahlregister eingetragen. Dies trägt zusätzlich dazu bei, dass sich Kinder mit politischen Problemen, Prozessen und Lösungen auseinandersetzen: ein gesellschaftlicher Gewinn für alle – für Jung UND Alt!

Politische Bildung ist extrem wichtig. Es geht dabei nicht nur um das Wissen um Inhalte, sondern auch um die Fähigkeit zu urteilen und gesellschaftlich verantwortungsvoll zu agieren. Mit politischer Bildung denken wir toleranter, sozialer und demokratischer.

In Thüringen wird der politischen Bildung hinter den Naturwissenschaften und den Sprachen leider wenig Platz eingeräumt. Wir fordern deshalb, dass der politischen Bildung eine höhere Bedeutung zukommt: Sozialkunde soll ab Jahrgang 7 mindestens 2-stündig unterrichtet werden. Außerdem muss den gesellschaftlichen Fächern insgesamt mehr Gewichtung zukommen. Selbst Grundschüler*innen sollten wissen, was demokratische Werte und Menschenrechte sind. Nur so können menschenfeindliche Ideologien wie Rassismus und Rechtsextremismus bekämpft werden. Die Lösung der Gleichung ist also: nachhaltige Demokratiebildung ist wichtiger als Algebra.

 

Den Schulalltag von Schüler*innen bestimmt vor allem eine Gruppe: Erwachsene, die weniger Ahnung vom Leben der Schüler*innen haben, als sie denken. Das führt dazu, dass Entscheidungen getroffen werden, die weder im Interesse der Kinder noch im Sinne der Lehrkräfte und Eltern sind. Damit sich das ändert, müssen Schüler*innen auf allen Ebenen der Schulorganisation mit eingebunden werden.

Dabei sollte sich das Mitspracherecht nicht nur darauf beschränken, Kritik auf einer Schulkonferenz zu üben. Junge Menschen müssen das Recht auf konkreten Einfluss erhalten. Schüler*innen können nur so das System Schule als Ort der Mit- und Selbstbestimmung begreifen und sind nicht mehr Teil eines Apparats, in dem sie tagtäglich Ohnmachtserfahrungen erleben. So bereichern die Schüler*innen die Schule und umgekehrt: Die Schule wird zum Ort, der für alle da ist.

 

Viele junge Menschen möchten in den verschiedensten Bereichen die Welt zu einem besseren Ort machen. Wenn sie jedoch freitags für Klimagerechtigkeit kämpfen, wird das von vielen Erwachsenen verurteilt. Hier wird ein Konflikt zwischen Schule und Demonstration konstruiert, der unnötig und falsch ist. Gesellschaftliches Engagement verdient keine Strafe – sie verdient Unterstützung. Wenn jemand ehrenamtlich Hilfsbedürftige unterstützt oder sich politisch weiterbildet, sollte dies ermöglicht werden – während und in Vereinbarkeit mit der Schule. Denn Pädagog*innen wissen: Ein wichtiger Teil des Lernens findet außerhalb der Schule statt.

 

Chancengleichheit

 

Junge Menschen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit in der Schule und sind dementsprechend auch innerhalb der Schule mit vielen Problemen konfrontiert. Die jetzigen Strukturen schaffen Unsicherheiten, Ungerechtigkeiten und tragen nicht dazu bei, dass sich Schüler*innen frei entfalten können. Das aktuelle Schulsystem stigmatisiert, schafft Barrieren und stärkt Konkurrenzgedanken und Leistungsdruck. Gerade für Geflüchtete, LGBTQI* und Schüler*innen mit psychischen und persönlichen Problemen fehlen jedoch oft Beratungsangebote.

Auch den Lehrkräften fehlt oft die nötige Kenntnis, um mit fordernden Situationen umzugehen und Probleme zu erkennen. Deshalb braucht es verpflichtende Lehrer*innenfortbildungen zur Sensibilisierung; alle Lehrkräfte müssen in der Lage sein, Diskriminierung, Ausgrenzung und andere Konflikte zu erkennen und entsprechend zu handeln. Für besonders häufige oder schwierige Probleme müssen klare Ansprechpersonen geschaffen werden, die zusätzlich qualifiziert sind. Auch unabhängige, externe Stellen müssen gestärkt werden, damit Schüler*innen auch außerhalb des Schulkontextes schnellen und einfachen Zugang zu professioneller Beratung haben.

 

Der Zugang zu guter Bildung ist in Deutschland immer noch stark von sozialer Herkunft oder Aufenthaltsstatus abhängig. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Kinder aus Familien mit niedrigem wirtschaftlichem Status nur selten Abitur machen. Auch Kinder aus Familien mit internationaler Geschichte werden im Schulsystem ungleich behandelt. Wenn kein Elternteil einen höheren Schulabschluss hat, sind die Bildungschancen geringer, die Kinder müssen viel mehr lernen und arbeiten, um mit den Kindern aus akademischen Haushalten mitzuhalten. Um Chancengleichheit herzustellen, müssen wir deshalb das Schulsystem an vielen Stellen reformieren. Im Sinne der Lehr- und Lernmittelfreiheit müssen zum Beispiel Schulbücher kostenlos angeboten werden.

Auch ist ein kostenloses, umfangreiches und leicht zugängliches Nachhilfe-System erforderlich. Ein Recht auf Bildung und die damit einhergehenden Ansprüche müssen unabhängig vom Alter gewährleistet werden. Auch ist es erforderlich weiter Hürden abzubauen, durch zusätzliche kostenlose Sprachförderung, sprachsensiblen Fachunterricht und Barrierefreiheit.

 

Der Druck, der in Schulen auf die Schüler*innen aufgebaut wird, sorgt oftmals dafür, dass nicht mehr das Lernen, sondern die Noten im Vordergrund stehen. Maßgebend für diesen Druck ist vor allem der Numerus Clausus. Noten sind immer subjektiv und eine Vergleichbarkeit nicht gegeben, vor allem bei 16 verschiedenen Bildungssystemen in den Bundesländern. Langfristig muss das Notensystem zugunsten von individuellen Lernzielen und Bewertungen abgeschafft werden. Auch das „Rauswerfen“ aus dem Gymnasium und das unfreiwillige Sitzenbleiben sollen abgeschafft werden. Im Sinne der Durchlässigkeit soll ein längeres gemeinsames Lernen und ein freier Wechsel der Schulformen in jedem Jahr etabliert werden. Langfristig soll das Dreigliedrige Schulsystem (Gymnasium-Regelschule-Hauptschule) überwunden werden.

 

Digitalisierung

 

Während der Pandemie hat sich mehr als deutlich gezeigt, dass nicht alle Schüler*innen die gleichen Möglichkeiten haben, da zum einen ihr Zugang zum Internet und zum anderen ihr Zugang zu Technik unterschiedlich gut ausgeprägt ist. Deshalb müssen vom Land die Möglichkeiten geschaffen werden, dass alle Schulen Technik – besonders Laptops, und sichere Software – kostenlos zum Ausleihen zur Verfügung stellen können. Darüber hinaus sollte es digitale Lernplattformen geben, die auch bei hoher Auslastung verlässlich funktionieren und jede Schule über freies WLAN verfügen.

 

Doch nicht nur bei der technischen Ausstattung gibt es individuelle Unterschiede, sondern auch in der digitalen Kompetenz. Dabei gehört die Nutzung von Social Media inzwischen zum gesellschaftlichen Alltag dazu. Deshalb braucht es genug Möglichkeiten in der Schule, um digitale Kompetenzen an Schüler*innen zu vermitteln. Die entsprechenden Inhalte müssen sich an der Lebenswelt orientieren, sodass das Gelernte tatsächlich für den Alltag relevant ist. Einen wichtigen Bestandteil sollten hier auch der Datenschutz und die Privatsphäre darstellen.

 

Um passende digitale Kompetenzen an Schüler*innen vermitteln zu können und geschult im Umgang mit der gängigen Technik zu sein, sind auch Pflichtweiterbildungen für Lehrer*innen notwendig.

 

Schüler*innen vorzuschreiben, wie sie ihre Pausen verbringen und ihnen ihre Handys wegzunehmen, gehört stellenweise inzwischen zum Schulalltag hinzu. Das greift stark in die Rechte der Schüler*innen ein, weshalb generelle Handyverbote außerhalb des Unterrichts abgeschafft werden sollen sowie ein landesweites Verbot Handys wegzunehmen angestrebt wird.

 

Ausbildung

 

Als GRÜNE JUGEND Thüringen stehen wir solidarisch an der Seite aller Auszubildenden und der Gewerkschaften, die sich jeden Tag für gerechte Arbeitsbedingungen einsetzen. Essenziell für eine gute Ausbildung sind Verbesserungen in folgenden Bereichen:

 

Finanzielle Unabhängigkeit und faire Vergütung

 

Ungleiche Chancen sind auch im Ausbildungsbereich ein präsentes Thema. Nach dem Schulabschluss soll jeder Mensch unabhängig vom Einkommen der Eltern entscheiden können, was er*sie lernen will. Um das zu ermöglichen, muss die Ausbildungsvergütung alle laufenden Kosten des*der Auszubildenden decken. Das entspricht aktuell noch nicht der Realität. Wir fordern deshalb eine finanzielle Unabhängigkeit und faire Vergütung. Um das zu erreichen, stehen wir als GRÜNE JUGEND Thüringen für folgende Maßnahmen:

Eine Mindestausbildungsvergütung, die 80% der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütung im entsprechenden Lehrjahr beträgt;

die komplette Kostenübernahme für alle nötigen Ausbildungsmittel durch die Ausbildungsstätte;

Schulgeld für alle Sozial- und Erziehungsberufe sowie Gesundheits- und Heilberufe abschaffen;

die Übernahme der Internats-/Wohnheims-Kosten; kostenfreien Zugang zu den öffentlichen Verkehrsmitteln in ganz Thüringen.

 

Zeit zum Lernen

 

Zu oft werden Auszubildende in Betrieben noch als billige Arbeitskräfte missbraucht. Dabei ist die Zeit der Ausbildung dazu da, einen Beruf zu erlernen und dafür genug Zeit und Hilfe zu bekommen. Wir setzen uns deshalb für Zeit zum Lernen ein. Das kann erreicht werden durch die Abschaffung der zweijährigen „Schmalspurausbildungen“; strengere Kontrollen, vor allem zur Einhaltung des Arbeitsschutzgesetzes während der Ausbildung; das Schaffen und Ausbauen von unabhängigen Beratungsstellen; die Anerkennung von Gewerkschaften als Praxispartnerin aller Schulformen und damit den Zugang zu den Schulen zu erleichtern.

 

Gleichberechtigung und diskriminierungsfreie Berufsschulen

 

Immer noch werden in Deutschland Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder wegen ihres Geschlechtes benachteiligt. Dem müssen wir auch in der Ausbildung weiter entgegenwirken. Außerdem müssen Hilfsangebote für Geflüchtete ausgebaut werden, damit auch Sprache und Herkunft kein Nachteil in der Ausbildung sind.

Wir stehen für folgende Maßnahmen auf dem Weg zu Gleichberechtigung und diskriminierungsfreien Berufsschulen:

der Ausbau von unabhängigen Beratungsangeboten an Berufsschulen;

die verpflichtenden Weiterbildungen für Berufsschullehrer*innen zur Sensibilisierung;

kostenlose und überall verfügbare Sprachkurse und Nachhilfe;

finanzielle Unterstützung von Demokratie- und Mitbestimmungsprojekten an Berufsschulen.

 

Studium

 

Finanzierung

 

Wir wollen Hürden für ein Hochschulstudium reduzieren. Daher setzen wir uns für die Entkopplung von Bildung und der persönlichen finanziellen Lage ein. Wir bestehen darauf, dass es weiterhin keine Studiengebühren gibt und dass auch die Langzeitstudiengebühren abgeschafft werden.

Des Weiteren setzen wir uns bundesweit für ein elternunabhängiges BAföG ein. Wir fordern außerdem eine Unterstützung studienbezogener Auslandsaufenthalte finanziell schwächerer Studierender durch Landesmittel.

 

Chancengleichheit und studentische Mitbestimmung

 

Chancengleichheit und Antidiskriminierungsstrategien sollen an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen ausgebaut werden. Deshalb muss Barrierefreiheit gegeben sein und auch Mentoringprogramme können hierbei helfen. Wir treten für eine Steigerung des Frauen-, Inter- Nicht-binär und Transanteils in Statusgruppenvertretungen und bei der Neubesetzung von Professor*innenstellen, insbesondere in MINT-Fächern, ein. Zudem gilt es, nicht-Akademiker*innenkinder besser zu fördern, sei es bei Aufnahme des Studiums oder der Reduktion der Studienabrecher*innen.

 

Im neuen Hochschulgesetz wurden die demokratischen Strukturen der Hochschulen, die Mitbestimmungsmöglichkeiten und die Autonomie der Hochschulen gestärkt. Wir wollen dies weiterverfolgen. Daher setzen wir uns dafür ein, die paritätische Mitbestimmung der Statusgruppen der Studierenden und (nicht-) akademischen Mitarbeiter*innen an den Hochschulen auszuweiten. Wir wollen an den Hochschulen die Möglichkeit studentischer Vizepräsidentschaft ausbauen und ein allgemeinpolitisches Mandat für die verfassten Studierendenschaften ermöglichen.

 

Selbstbestimmte Bildung

 

Wir setzen uns für eine erhöhte Durchlässigkeit im Bildungssystem ein und möchten damit flexiblere individuelle Studien- und Karrierewege eröffnen. Der Studienzugang, unter alleiniger Berücksichtigung der Note, ist nicht mehr zeitgemäß.

Bei der Verhandlung zu Zielvereinbarungen müssen diese insbesondere die Aspekte faire Arbeitsbedingungen, Gleichstellung und soziale wie ökologische Nachhaltigkeit, anstelle von Regelstudienzeit und Erstsemesterzahlen einbeziehen.