Wir brauchen eine Bauwende! Wir müssen die Abkehr von überholten Idealen wagen und eine Vision entwickeln für klimagerechtes, feministisches und soziales Wohnen in der Zukunft.
Der Bau und die Gebäudeunterhaltung machen in Deutschland etwa 40% aller CO2-Emmissionen aus. Ein Teil davon fällt auf den Energieverbrauch, aber ein ebenso großer Teil fällt auf Baustoffe. Obwohl es schon jetzt tragfähige Lösungen mit ökologischen Baustoffen gibt, verursacht die Zementindustrie um die 8% aller weltweiten Emissionen. Deshalb wurde in Erfurt zuletzt ein Hochhaus in Holzbauweise geplant. Eine Petition von „Architects for Future“ an den Bundestag unterstreicht, dass wir beim Thema Bauen neue Weg beschreiten müssen, um den Klimazielen gerecht zu werden und ressourcensparend zu bauen. In der vierten von sieben Forderungen markieren sie das zentrale Ziel die Flächenversiegelung zu beschränken. Ohne Minimierung riskieren wir: „Zerstörung von Tier- und Pflanzenhabitaten, Artensterben sowie weiterer Überhitzung und Überflutung“.

Das betrifft insbesondere Einfamilienhäuser (EFM) in den suburbanen Gegenden, welche beispiellos zu Flächenversiegelung führen. Zudem sorgen die zunehmenden Einfamilienhausgebiete für eine ineffiziente Nutzung von Wohnraum oder verursachen zusätzliches Verkehrsaufkommen. Selbst ein suburbanes Plusenergiehaus kann unter Umständen, beispielsweise bei unzureichender ÖPNV- und Infrastrukturanbindung, klimaschädlicher sein als das Wohnen in einer unsanierten Wohnung in der Stadt.

Das Einfamilienhaus hat außerdem eine unrühmliche Geschichte hinter sich, so sind suburbane Einfamilienhausgebiete keine natürlichen Entwicklungen, sondern wurden in den USA, später in Europa, nach dem 2. Weltkrieg für zwei Zwecke entworfen, einerseits um Arbeiter*innen und Veteran*innen eine Perspektive in der kapitalistischen Gesellschaft zu bieten. Durch die Bindung an ein EFM wurden Arbeiter*innen von ihrem Umfeld entfremdet und die Abbezahlung der aufgenommenen Kredite sollte zu einer höheren Produktivität führen. Daneben sollten die Frauen, welche während des Krieges in der Produktion gebraucht wurden, wieder in ein traditionelles, heteronormatives Familienbild gebracht werden. Selbst wenn dieser Effekt nicht mehr vorherrscht, so bleiben Nachteile, hauptsächlich für Frauen, bestehen.

Nicht nur führen suburbane Gebiete zu Isolation, sondern sie bieten auch ungünstige Bedingungen, um Care-Arbeit zu leisten. Mehr privater Raum führt zu mehr Reproduktionsarbeit, die Wege für Kinder zu Schule, Einkauf, sozialen- oder Freizeitangeboten sind länger und häufig nur durch Autofahrten möglich, Arbeitsteilung unter Bekannten wird erschwert. Gerade die Corona-Krise hat gezeigt, dass Care-Arbeit immer noch hauptsächlich von FIT*Personen geleistet wird.

Ein weiterer Aspekt die ist Segregation. Auch wenn die Entmischung hinsichtlich der Abgrenzung der weißen Bevölkerung vom Rest langsam nachlässt, so besteht die soziale Segregation fort. Durch neue suburbane Einfamilienhausgebiete entmischt sich die Kernstadt immer weiter und damit ziehen auch Kaufkräftige und gesellschaftlich-engagierte Familien raus aus der Stadt, wodurch nicht nur der Aufwand zur Aufrechterhaltung von Infrastruktur steigt, sondern auch Begegnung, Austausch und Chancengleichheit zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sinken.

Daraus folgt, dass wir einen neuen Umgang mit dem Einfamilienhaus finden müssen. Eine Veränderung kann nur Schritt für Schritt geschehen. Ein Anfang kann der Umstieg auf Reihen- und Doppelhäuser sein, wenn sie streng nach ökologischen Kriterien errichtet werden, bspw. in Holzbau mit Grün- und Solardach. Dabei dürfen solche Gebiete nur noch ausgewiesen werden, wenn ausreichende Infrastruktur gegeben ist, also müssen ÖPNV-Anschluss, Kita-Plätze oder Einkaufsmöglichkeiten integriert werden. Es müssen Orte für soziale Aufgabenteilung und -austausch geschaffen werden. Der Staat muss sicherstellen, dass auch für einkommensschwache Familien die Möglichkeit von suburbanem Wohnen geschaffen wird.

Doch mittelfristig dürfen keine neuen Gebiete entstehen, sondern der Traum vom Eigenheim kann durch Wohnraumtausch erfüllt werden. Nicht in jeder Lebenslage wollen Menschen weiterhin an ihrem Einfamilienhaus festhalten. Damit Hausbesitzer*innen bereit sind ihre EFH zu verkaufen, braucht es die richtigen Anreize. Bspw. könnten ältere Menschen, wenn die Kinder ausgezogen sind oder im Alter die Mobilität nachlässt, mit entsprechenden, bezahlbaren Angeboten ihr Haus für eine weniger aufwändige, besser angeschlossene Alternative eintauschen. Denn ein privates EFM führt auch zu weniger Flexibilität.

Ein Wandel kann nur passieren, wenn wir neue Visionen entwerfen und umsetzen. Dafür müssen wir Stadtentwicklung neudenken, im Geschosswohnungsbau müssen wir verstärkt bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. Dabei gilt es auch die Bedarfe und Vorteile von suburbanem Wohnen mit einzubeziehen. Doch naturnaher und bezahlbarer Wohnraum soll nicht nur an Stadträndern verfügbar sein. Innerhalb von Städten braucht es einen massiven, wohnortnahen Ausbau der Grün- und Erholungsflächen die verschiedensten Aktivitäten, Anforderungen und Sportarten gerecht wird. Es braucht Räume für Urban Gardening und Rückzugsräume. Weder in der Stadt noch im suburbanen Raum dürfen Flächen in unzweckmäßigem Verhältnis versiegelt werden. Nur so können wir eine Stadt erreichen, welche alle Bedürfnisse deckt und allen Menschen, Belastungen abnimmt und ein Plus an Lebensqualität bietet!