Lieber Rainer,

am gestrigen Abend erreichte uns nach einem langen Tag dein Pressestatement zur Debatte um Patriotismus und Nationalismus während der Herrenfußball-Europameisterschaft.

Wir sind schwer enttäuscht. Wir hatten auf einen reflektierten Austausch gehofft, darauf, dass Pro- und Contra-Argumente in dieser Debatte ausgetauscht werden können, vor allem im innerparteilichen Diskurs.

 

Zum Kontext: 

Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz hatte am Freitag ein Statement über den Nachweis der Verbindung von „Fußball-Patriotismus“ und rassistischen Übergriffen veröffentlicht. Neben zahlreichen negativen medialen Reaktionen bekamen unsere Freund*innen aus Rheinland-Pfalz, ebenso wie unsere Freund*innen aus Berlin (die ein inhaltlich ähnliches Statement verfasst hatten) den „unverkrampften Patriotismus“ in unzähligen Kommentaren und E-Mails zu spüren. Darunter auch Morddrohungen. Allein schon aus diesem Grund muss für uns alle eine gründliche Reflektion bei Äußerungen Pflicht sein.

Der Vorstand der GJ Thüringen entschied sich nach einer längeren Diskussion dazu, sich mit der GJ Rheinland-Pfalz und der GJ Berlin zu solidarisieren, und mit einem entsprechenden Statement deren Forderungen zu unterstützen.

 

Zu deinen Aussagen:

„Fußball steht für Sport, Lebensfreude und Fairness.“

Du hast Recht, Fußball kann für Sport, Lebensfreude und Fairness stehen. Dass er dies aber oft nicht tut, ist auch Teil der Wahrheit. Die Angriffe deutscher Hooligans auf ukrainische Fans am gestrigen Sonntagabend sind die besten Beweise.

 

„Dazu gehört auch bei einer Welt- und Europameisterschaft Begeisterung und Unterstützung für die eigene Mannschaft.“

Wir fragen uns vor allem, wer denn nun diese „eigene Mannschaft“ ist. Du spielst vermutlich darauf an, dass dies unsere Mannschaft sei, da wir, genau wie sie, die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Uns verbindet also genau so viel mit dieser Mannschaft, wie uns auch mit Björn Höcke verbindet. Du glorifizierst damit eine nationale Zwangsgemeinschaft und beschwörst gleichzeitig ein kollektives „Wir“ herauf, bei dem es eben auch immer ein „die anderen“ geben wird. – Exklusiver geht es kaum, klassischer Patriotismus eben.

 

„Gerade die deutsche Mannschaft steht für eine offene Gesellschaft und für gegenseitigen Respekt. Deutschland ist Boateng, Özil, Khedira, Gomez, Sané und Podolski. Deutschland ist Müller, Neuer und Schweinsteiger. Das ist eins!“

Deutschland ist momentan vor allem auch Heidenau, Jamel, Dresden, Pegida, AfD. Wir wollen ebenso wie du eine weltoffene Gesellschaft, in der jeder Mensch zu Hause sein kann.

Aber solange massive Proteste gegen den Bau von Moscheen existieren, solange Geflüchtete getötet und Asylbewerber*innen-Unterkünfte angezündet werden, ist dies eine Gesellschaft voller Ressentiments und Fremdenhass. Nebenbei betreibst du mit deiner Aufzählung an Namen übrigens selbst eine Unterteilung in vermeintlich deutsche und nicht-deutsche Nachnamen, eine Unterteilung die schon in sich, vorsichtig gesagt, höchst problematisch ist.

 

„Wir haben in Deutschland eine der modernsten und freiheitlichsten Demokratien der Welt. Darauf bin ich stolz. Das ist Patriotismus, wie ich ihn mag – frei von Revanchismus! Das lassen wir uns nicht nehmen. Dafür setze ich mich ein, und dafür bekenne ich auch Farbe.“

Sicherlich sind einige der Freiheiten und auch die Demokratie deutlich ausgereifter als in vielen anderen Ländern dieser Welt. Allerdings  hat ein demokratisches Bewusstsein nichts mit Patriotismus zu tun und ist ein Patriotismus ohne Revanchismus einfach faktisch widersprüchlich.

Uns stellt sich die Frage: Was hat diese Aussage überhaupt mit Fußball zu tun? Wie kann man auf ein Fußballteam stolz sein, mit dem man genauso wenig verbunden ist wie mit Björn Höcke? Die zweite Möglichkeit „stolz zu sein“ wäre, stolz auf Deutschland zu sein. Aber mit dieser Argumentation landet man schnell montags in Dresden und mittwochs in Erfurt. Das deutsche Fußballnationalteam spielt für den sportlichen Erfolg. Nicht für unsere Grundrechte, nicht für unsere Demokratie und auch nicht dagegen. Daher haben all diese Fakten nichts mit dem sportlichen Ereignis zu tun.

 

Was wir uns wünschen:

Grundsätzlich ist schon angeklungen, dass wir uns vor allem einen reflektierteren Beitrag gewünscht hätten, der berücksichtigt, dass aktuell eine Hetzkampagne stattfindet – gegen Menschen aus der Grünen Jugend, die der Meinung sind, dass sie Spaß an Sportveranstaltungen auch ohne Fahne haben können und dass überbordender Patriotismus sehr wohl ziemlich schädlich sein kann.

Wir wünschen uns eine offene Debatte über Ursachen und Folgen von Gewalt und Nationalismus. Wir wünschen uns Sensibilität dafür, was wir mit Fahnen und Zeichen ausdrücken, wem wir damit (möglicherweise ungewollt) Beifall klatschen und wem das schaden kann. Dein Statement hat dazu beigetragen, angeblich „gesunden“ Patriotismus zu rechtfertigen, den Hetzer*innen weitere Munition gegen uns zu liefern und  es hat auch einen offenen Diskurs erschwert.

Wir hoffen, dass wir in Zukunft mit dir offen über so brisante Themen reden können. Wir wünschen uns, dass unsere Position ernst genommen und verstanden wird. Wir hoffen, mit unserem Brief dargelegt zu haben, warum wir unsere Statements genau so verfasst haben und würden uns in den kommenden Tagen über eine private Unterhaltung mit dir freuen.

 

Dein Landesvorstand der GJ Thüringen