Rassismus und andere Diskriminierungsformen werden in der Schule reproduziert,
statt antidiskriminierender und politischer Bildung genügend Platz zu geben.
Höchste Zeit, dass sich etwas ändert!

Schule ohne Diskriminierung

Tagtäglich findet in Thüringer Schulen strukturelle Diskriminierung statt.
Lehrer*innen sind dabei oft Teil des Problems oder wissen nicht, wie sie mit
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bei Schüler*innen und im Kollegium
umgehen sollen. Wie sensibel Lehrer*innen für bestimmte Problematiken sind,
hängt dabei stark von der Ausbildung ab. Deswegen fordern wir eine
Lehrer*innenbildung für eine Schule der Inklusion und Gleichberechtigung! Dazu
muss interkulturelle und geschlechtliche Sensibilität gestärkt werden. Es
braucht machtkritische Erörterungen und Anregung zur Reflektion des bisherigen
Wissens als festen Bestandteil der Ausbildung. Es ist notwendig, dass sich
Lehrer*innen nicht als neutrale Personen sehen, sondern ein Bewusstsein für
ihren eigenen gesellschaftlichen Status entwickeln und das auch bei
Schüler*innen vorantreiben. Lehrer*innen sollen verstärkt queere, weibliche und
behinderte Perspektiven sowie Perspektiven of Colour in alle Teile der
Schulbildung einbringen.

Es ist zu betonen, dass hier auch inklusive Sprache eine wichtige Rolle spielt.
Lehrer*innen müssen fähig sein, in Situationen alltäglicher Diskriminierung
selbstbewusst eingreifen zu können und z.B. rassistische Anfeindungen oder
ableistische Sprache gemeinsam mit den Schüler*innen aufarbeiten.Auch wollen wir
darauf hinwirken, dass in Lehrmaterialien grundsätzlich gendersensible Sprache
in Form des Genderstars genutzt wird.

In diesem Sinne wenden wir uns besonders in der historischen Bildung gegen eine
chronologische Meistererzählung, die sich auf starke Männer und die Entstehung
von Nationen konzentriert. Wir wollen weibliche und queere Emanzipation in die
Schulbildung, männerdominierte Geschichtsschreibung gemeinsam im Unterricht
kritisch untersuchen und schwarze Geschichte thematisieren!

Historisch-politische Bildung muss einen viel größeren Platz als bisher
einnehmen. Denn nur durch eine intensive und facettenreiche Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit ist sinnvolle politische und antidiskriminierende Bildung
möglich. So kann z.B. durch die Betrachtung marginalisierter gesellschaftlicher
Gruppen in historischen Kontexten die Kontinuität gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit umfangreich thematisiert werden.

Wir fordern weiterhin, dass es an jeder Schule eine*n Beauftragte*n für
Antidiskriminierung und Diversity gibt. Diese*r soll bei
Diskrimierungserfahrungen unterstützen, Wissen an andere Pädagog*innen in der
Schule weitergeben und diversitysensible Bildung an der jeweiligen Schule
vorantreiben. Diese Beauftragten sollen koordiniert durch das zu schaffende
Landesamt für Antidiskriminierung regelmäßig an Fort- und Weiterbildungen
teilnehmen und in engem Austausch miteinander stehen.

Politische Bildung – aber richtig!

Von antidiskriminierender Bildung kaum trennbar ist die politische Bildung in
Schulen. Nicht nur in der Lehrer*innenausbildung, auch bei Schüler*innen muss
die Untersuchung der Ursachen von Unmündigkeit, Fremdbestimmung, sozialer
Inklusion und Exklusion Ausgangspunkt für politische Lernprozesse werden.

Wir fordern, dass an allen Schulen primär projektorientiertes Lernen statt
starrer Fächer angeboten wird. Die Notwendigkeit zeigt sich besonders in der
politischen Bildung: Politik kann und sollte nicht unabhängig von Geschichte,
Wirtschaft, Recht, Geografie und allen anderen Gebieten betrachtet werden und
anders herum. Projektorientiertes Lernen macht selbstbestimmte Bildung und die
Betrachtung verschiedener Perspektiven erst wirklich möglich. Hier können
Lehrer*innen als Lernbegleiter*innen auftreten, die die kritische
Selbstreflektion und ein eigenes politisches Bewusstsein jedes*r Schüler*in
fördern. Deswegen fordern wir, dass die politische Bildung raus aus dem
Sozialkundeunttericht und rein in alle Bereiche der schulischen Bildung kommt.

Damit das möglich ist, muss Demokratiebildung verpflichtender Teil von
Lehrer*innenausbildung sein. Grundlage ist die Vermittlung der allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte und damit die Bedeutung der individuellen Rechte
jedes*r Einzelnen.

Statt das Kontroversitätsgebot aus dem Beutelsbacher Konsens als
Neutralitätsverbot zu missinterpretieren, fordern wir, dass im Unterricht
Dissens und Kontroversität sichtbar gemacht werden. Politische Bildung stellt
die politische und demokratische Bedeutung von Toleranz gegenüber anderen
Meinungen und Lebensweisen heraus.

Weiterhin soll sich die politische Schulbildung an den Interessen und
Handlungsspielräumen der Lernenden, sowie an aktuellen politischen Debatten und
Fragestellungen orientieren.

Wir wollen, dass in einer ermutigenden Lernumgebung das Interesse, sich selbst
politisch zu engagieren steigt. Schüler*innen soll deutlich werden, dass sie
(individuell und kollektiv) politisch handlungsfähig sind und Veränderungen
voranbringen können. Die Analyse eigener Interessenslagen und die Thematisierung
eigener Macht- und Ohnmachtserfahrungen soll genutzt werden, um
Handlungsspielräume zu entdecken und positive Selbstwirksamkeitserfahrungen in
Engagementprojekten zu machen. Dazu gehört auch, Schüler*innen in möglichst
viele Entscheidungsprozesse im Kontext Schule einzubeziehen. Auch bietet eine
Öffnung von Schulen gegenüber Kommunen und gesellschaftlichen Akteur*innen tolle
Möglichkeiten der politischen Bildung. Wir wollen, dass Kooperationen mit
Träger*innen non-formaler Bildung wie sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und
(politischen) Jugendverbänden Teil des Schulalltags werden.